Serienvorstellung: Skam

17. Dezember 2016 |
Leute, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Mit Sicherheit wäre es besser, wenn ich mir die drei Staffeln noch fünfmal anschaue, bevor ich einen Beitrag darüberschreibe. Damit auch wirklich ein Beitrag zu Stande kommt, und ich nicht bloß im Fanboy-Wahn 5000 Mal wiederhole, wie unfassbar gut diese Serie ist, und dass ihr sie alle auf der Stelle anschauen müsst! Wahrscheinlich wird es eine Mischung aus beidem.
Ich habe "Skam" über Instagram gefunden, ich weiß gar nicht mehr wie, ich glaube ich habe Bilder zu "A Little Life" (deut. "Ein wenig Leben", erscheint im Januar bei Hanser) von Hanya Yanagihara gesucht und bin dann von einem Hashtag zum anderen und dann irgendwie bei Skam gelandet. Jedenfalls war ich sofort begeistert und habe dann die halbe Nacht damit verbracht, die Serie auf Tumblr und Twitter zu stalken. Habe mir Clips angeschaut, Transkriptionen einiger Folgen durchgelesen uswectpp. Kurzum ich war im Wahn. Und das war ich  dann auch die nächsten drei Tage, in denen ich die drei Staffeln durchgesuchtet habe.

Was ist SKAM?
Skam (deut. Scham) ist eine norwegische TV- und Web-Serie, die vom NRK (Norwegischer Reichsrundfunk, quasi die ARD Norwegens), produziert und ausgestrahlt wird. Das Konzept unterscheidet sich aber drastisch von regulären Serien, denn der Großteil der Serie findet in den Sozialen Medien und besonders auf der Skam-Homepage statt. Dort werden mehrmals am Tag in Echtzeit, Clips, Chat-Auszüge und Instagram-Bilder hochgeladen. Das heißt, findet an einem Tag in der Serie eine Party zu einer bestimmten Uhrzeit statt, dann drehen sich die Clips, Bilder und Chats auch um diese Party. Die veröffentlichen Clips werden dann wiederum, zusammengeschnitten und immer freitags im norwegischen TV ausgestrahlt. In der Zwischenzeit, kann man den Charakteren auf ihren real existierenden Social Media-Accounts folgen, und so fühlt es sich ein bisschen an (zumindest ging es mir so), als wäre man mit den Charakteren befreundet. Des Weiteren gibt es keine professionellen Schauspieler im Cast. Die Darsteller wurden in einem Casting aus 1.200 Jugendlichen herausgesucht. Anders als in vielen anderen Serien, werden die Teenager in Skam auch wirklich von Teenagern gespielt und nicht von 25-jährigen ect. Das Konzept erinnert ein bisschen an die britische Serie "Skins" das war jedenfalls mein erster Eindruck. Aber das täuscht. Wo in es in Skins sehr viel mehr um Partys und Sex und Drogen geht, gibt es in Skam sehr viel Szene die die Charaktere im Alltag zeigen, in der Schule, Zuhause oder sonst wo. Ich empfinde Skam im Vergleich zu Skins als deutlich bodenständiger und weniger überzeichnet.

Worum geht es in SKAM?
Die Serie folgt einer Gruppe von Jugendlichen an der Hartvig Nissen School (einem Gymnasium, das es in Wirklichkeit gibt und als zentraler Handlungsort dient.), in Oslo. In jeder Staffel steht eine andere Figur aus der Gruppe im Mittelpunkt. In der ersten Staffel ist es Eva in der zweiten Staffel, Noora jüngst in der dritten Staffel mit Isak das erste Mal ein Junge. In Skam wird die komplette Palette an alltäglichen Problemen behandelt, von Stress mit den Eltern, über das erste Mal hinzu den universellen Fragen: Wer bin ich eigentlich? Wo will ich hin? Was soll mal aus mir werden? Aber auch sehr viele wichtige und sensible Dinge wie Islamophobie, Homophobie, Coming-Out, Slut-shaming, Feminismus, Essstörungen, Date-Rape, sexuelle Belästigung und auch psychische Erkrankungen werden thematisiert. Doch nicht irgendwie hier mal so eben am Rande, sondern mitten in die Fresse. Das klingt jetzt wahrscheinlich drastischer als in der Serie letztlich ist, aber es ist einfach so, dass diese Sachen nicht beschönigt werden. Das nicht herumgeeiert wird, sondern die Probleme beim Namen genannt und angegangen werden. Und das authentisch und ohne irgendwas dabei zu überzeichnen oder überdramatisieren.

Von links nach rechts: Isak, Jonas, Mahdi, Magnus & Even

Wieso magst du SKAM?
Im Grunde wohl deswegen, weil mir dir Serie genau die Inhalte bietet, die ich in Jugendbüchern (und hier meine ich vordergründig Gegenwartsliteratur/Contemporary), sehr oft vermisse. Und ich komme auch irgendwie nicht umhin mich zu fragen (oha, das klang jetzt aber sehr Carrie Bradshaw-isch xD), wenn ein kleines Land wie Norwegen, mit sehr kleinem Budget und einem straffen Zeitplan, es schafft diese Themen realistisch und ansprechend in einer TV-Serie zu verpacken, warum zum Teufel tun sich so viele (wie ich jetzt mal vermute, finanziell starke) Verlage so unfassbar schwer damit, Bücher zu veröffentlichen, die genau diese Themen behandeln. Und zwar unverkitscht und authentisch? Aber gut, darum soll es hier ja jetzt nicht gehen. Es geht um Skam und darum, weshalb ich diese Serie in so kurzer Zeit, so sehr ins Herz geschlossen habe. Was mich auch einfach sofort angesprochen (und auch umgehauen hat), ist die Art und Weise, wie diese sensiblen Themen angegangen werden. Ja, dann und wann ist es wirklich ein bisschen in your face, aber viel öfter passiert es auf so subtile Weise, dass ich total perplex dagesessen habe, und gar nicht glauben konnte, dass da gerade wirklich so gesagt wurde. Beispielsweise als Isak (der sich gerade geoutet hat), Sana fragt was der Islam zu Homosexualität sagt und sie drauf antwortet:

"Islam, says the same as always. That all people in this world have the same worth. And that no person, should be spoken about behind their back, be violated, judged or mocked. So if you hear anyone use religion as an argument for their hatred, don't listen. Because hate doens't derive from religion, it derives from fear."


Oder in der zweiten Hälfte von Staffel 2, als Noora (die Hauptfigur der zweiten Staffel), damit hadert in einem Typen verliebt zu sein, der einem anderen eine Flasche über den Schädel gezogen hat, und glaubt, dass alles was besagter Junge sieht, sei Krieg und Gewalt. Und wieder ist es Sana (ich glaube, ich muss nicht erwähnen, dass sie eine meiner Favoritinnen aus der Serie ist oder?), die ihr einen Rat gibt und sagt:  

"War doesn't start with violence, it starts with misunderstanding and prejudice. If you say you're in favor of a world full of peace, you have to try to understand why others think and act the way they do. You have to accept that not everyone sees the world you do. You can't just believe that everyone has the answers to what is right or wrong."

Und das sind einfach so Momente (glaubt mir, ist gibt noch so, so viele mehr. Es würde nur echt den Rahmen sprengen, sie alle aufzuzählen), in denen ich echt Gänsehaut bekommen habe, weil es mich überrascht hat, dass diese kleine norwegische "Teenie-Serie" solch wichtigen Themen direkter und ehrlicher anspricht, als viele große Produktionen aus anderen Ländern. Das ist auch wirklich so ein Punkt, den ich an dieser Serie so liebe, diese entwaffnende Ehrlichkeit.

Von links nach rechts: Chris, Eva, Vilde, Sana und Noora

Natürlich stehen aber auch Liebe, Sex, Partys und Freundschaft im Fokus der Geschehnisse. Letztere besonders, denn die Serie beginnt damit, dass Eva die von ihrer alten Clique geschnitten wird, neue Freunde findet. Ich finde es einfach besonders schön zu sehen, wie sich diese fünf total unterschiedlichen Mädchen nach und nach immer mehr zusammenschließen, sich gegenseitigt bestärken und helfen. Und es einfach mal nicht darum geht, dass sich Mädchen untereinander anzicken und niedermachen oder wegen eines Typen, ihre komplette Persönlichkeit über Bord schmeißen. Es gibt so unendlich viele großartige Szenen (besonders in Staffel 1 und 2), zwischen den Mädchen, wo ich dachte okay, gut ja, jetzt geht es bestimmt auf dem direkten Weg nach Klischeehausen, die Szene aber in eine ganz andere Richtung dreht, weil bspw. Vilde nicht vollkommen schockiert darüber ist, dass ihr Schwarm, William eigentlich auf ihre Freundin Noora steht, und diese (trotz der zuvor vehement bekundeten Abneigung) auch auf ihn. Das es keine überdramatisierte Auseinandersetzung gibt, sondern dass die beiden ganz normal über diese Situation reden können.

Skam bricht so wunderbar mit Stereotypen und Vorurteilen, dass ich wirklich oft überrascht wurde. Vor allem deswegen, dass ich dabei ertappt wurde, wie viele Vorurteile ich einfach selbst noch habe. Ich dachte, Noora ist die arrogante Schönheit, und Jonas ist der liebe Softie-BFF und Sana die verklemmte Muslima die alle als Schlampen bezeichnet, weil sie Sex haben. Aber dem ist nicht so, und genau da, bei der Konfrontation mit den eigenen Vorurteilen, ist diese In your face-Methode einfach großartig. 

Des Weiteren gefällt es mir, dass die Charaktere alle normal aussehen. Es gibt in der Serie keine braungebrannten 17-jährigen Bad Boys mit Sixpack oder aufgedonnerte 16-jährige mit Wallawalla-Mähne, wie man es aus anderen Serie kennt. Die Figuren haben O-Beine, Akne, 'ne hohe Stirn, buschige Augenbrauen, sind schlaksig und untrainiert, haben schiefe Zähne, große Nasen, sind übergewichtig usw. So wie Menschen außerhalb von Hollywood und Jugendbüchern nun einmal eben sind.

Das alles ist halt auch deswegen so gut, weil sich die Serie selbst einfach nicht so ernst nimmt. Es wird sich bspw. über dieses Fan-Phänomen lustig gemacht, dass viele Mädchen total "besessen" von homosexuellen Charakteren sind, und sich gar nicht mehr einkriegen. Oder über Shipnamen wird gelacht und selbst der eigene Sender wird durch den Kakao gezogen.

Selbstredend hat die Serie auch Schwächen. Ich finde es zum Beispiel etwas störend und nervig, dass Erwachsene (ob jetzt Lehrer oder Eltern) im Grunde nur durch SMS oder Anrufe in Erscheinung treten. Ich verstehe dieses Stilmittel, dass der Fokus ganz auf den Jugendlichen liegen soll, aber da ich es persönlich immer sehr schön und auch interessant finde, Familiendynamiken zu sehen, ist es schon schade irgendwie. Oder das obwohl PoC vorkommen und nicht nur Randfiguren sind, es für mich schon ruhig noch ein paar mehr sein könnten. Dann gibt es natürlich auch Stellen, bei denen ich mir an den Kopf gefasst habe, oder mit den Augen rollen musste oder mir dachte, echt jetzt, muss das jetzt so sein? Unterm Strich ist aber einfach so, dass die positiven Aspekte meiner Meinung nach, die negativen Punkte überwiegen. 

Von links nach rechts: Linn, Chris, Eskild, William

Wo schaust du SKAM? 
Die Frage ist ein bisschen tricky, denn die Serie außerhalb von Norwegen, mit englischen Untertiteln zu sehen, ist gar nicht so leicht. Es ist nicht unmöglich, aber man muss schon ein bisschen suchen. Die Serie an sich, ist kostenlos im Netz verfügbar, der NRK weigert sich nur, wegen der Musikrechte die Serie mit englischsprachigen Untertiteln für ein internationales Publikum verfügbar zu machen. Kann ich irgendwo verstehen, weil die musikalische Untermalung (die einfach der OBERHAMMER ist. Ohne Shit, es gibt glaube ich keine Serie, die so perfekt mit Musik arbeitet!), äußerst wichtig für die Serie ist und würde sie wegfallen, dann wäre das schon echt ein kleiner Verlust.

Eine Möglichkeit die Serie zu schauen (davon würde ich aber abraten wenn ihr anfangen wollt, sondern erst wenn ihr auf dem aktuellen Stand, Ende Staffel 3 seid), ist es die Clips zu schauen. Kurz nachdem ein Clip auf der offiziellen Seite geuppt wurde, findet man ihn auf Youtube, wo ihn norwegische Fans mit englischen Untertiteln versehen habe. Da die Clips aber relativ schnell wieder gelöscht werden, der NRK ist da sehr hinterher, sollte man die Variante lassen.
Die beste Möglichkeit, auch wenn es etwas Zeit in Anspruch nimmt, ist es über Twitter oder Tumblr, Links zu den Google Drive-Ordnern zu suchen, in denen die kompletten Folgen/Staffeln mit Untertiteln zu finden sind. Es dauert wie gesagt ein bisschen, aber es ist eigentlich relativ easy die Folgen und Staffeln zu finden. Da ich hier jetzt keine Links dafür reinpacken möchte, könnt ihr mir bei Interesse gerne eine Mail oder eine DM auf Twitter schreiben, dann helfe ich euch, wenn ich kann.  
Mein Fazit zu SKAM?
Vorab möchte ich noch kurz sagen, dass dieser Beitrag hier echt nur an der Oberfläche kratzt. Ich bin im Moment einfach noch viel zu aufgedreht und im absoluten Sucht-Sog dieser Serie, weswegen ich bestimmt hunderte Punkte vergessen habe, und nicht mal ansatzweise in Worte fassen konnte, warum die Serie so großartig ist. Dennoch, schaut sie euch an! Es lohnt sich so sehr, ein Wochenende zu investieren und die Serie in einem Rutsch zu suchten. Skam ist mega lustig, authentisch, lebensnah, es gibt so viel Identifikationsmöglichkeiten, selbst für Leute die, wie ich, deutlich Älter als die Charaktere/Darsteller sind. Man lacht, man weint, man fühlt und kämpft und leidet mit den Charakteren. Jede Figur hat Momenten in denen sie glänzt, nicht nur die PoV-Charaktere die im Mittelpunkt stehen. Alle spielen eine Rolle, egal wie klein diese auch sein mag! So, und jetzt mache ich mir einen Kakao, pflanze mich mit dem Laptop auf mein Sofa, und schaue die Serie noch einmal von vorne! Ich muss einfach. MUSS!

Kommentare:

  1. Ich habe diese Serie heute per Zufall gefunden. Scrollte mich durch Facebook und jemand hatte irgendwo ein Like gesetzt bei einem Bild von so einem Typen usw. - und jetzt dein Beitrag dazu! Ich mache mich auf die Suche und muss das unbedingt auch sehen!

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  2. Halla:) Danke für die ausführliche Rezi! Ich freu mich immer so, wenn jemand anderes aus Deutschland die Serie liebt. Ich habe Skam Ende November gefunden und seitdem kein Buch mehr gelesen, argh. Staffel 2 mochte ich ein bisschen weniger als die anderen (Noora ist badass, ich konnte nur mit William nichts anfangen).
    Zu den PoC, Skam versucht ja so realistisch wie möglich zu sein und Norwegen ist nun mal hauptsächlich weiß, deswegen finde ich das jetzt nicht so schlimm. Schön an der Serie finde ich auch, dass es keine flachen Figuren gibt (Mahdi und Magnus waren ja am Anfang eher uninteressant, und jetzt mag ich beide total gerne. Und Sana ist so herrlich, wenn sie keine eigene Staffel bekommt...

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  3. Hey,ich bin durch zwei Mädels auf die Serie gestoßen und war sofort im Wahn.Ich meine alle Punkte die du erwähnt hast sind wahr,ich persönlich liebe solche Serien über Teen's und dem Alltag weil man sich selbst damit gerne identifiziert.Zwar habe ich gerade erst die 2. Staffel beendet und die Dritte möchte ich leider auf morgen verschieben weil ich wieder sonst die ganze Nacht die Serie suchten werde was nicht gerade von Vorteil ist, da ich morgen noch Schule habe..Da ich Skam ununterbrochen geschaut habe ohne Pause zu machen habe ich mich so intensiv in die Serie vertieft als ob ich selbst darin wäre, ich meine mir geht es nicht so gut bin gerade einfach in einer down Phase und Skam ist einfach wie eine Droge, die mich zur Zeit beruhigt.Für mich ist bis jetzt die 2. Staffel am besten wobei ich mir nach der 1. schon dachte wie geil ist das bitte und kann es überhaupt noch besser werden? Ich fand die Beziehung und das Spiel zwischen Noora und William sehr interessant und schön, ich habe gerade sowas einfach gebraucht und musste die letzten Folgen einfach nur heulen, einfach die Art der Gestaltung der Serie ist perfekt die Musik einfach alles noch nie war ich so verrückt nach einer Serie da sie zu mal auch auf der anderen Seite tiefgründige Worte hinterlässt und ich einfach Gänsehaut bekomme und darüber sehr lange nachdenke, dank Sana, eine sehr starke Rolle in Skam.Noora und William sind einfach ein Traum ich habe sie so krass ins Herz geschlossen dass ich es einfach nicht ertragen konnte als die beiden ein Konflikt hatten.Generrel einfach die ganze Freundschaft zwischen allen ist sehr wichtig und halt genau das was du geschrieben hast kann ich auch bestätigen.Ich kann eigentlich auch einfach alles wiederholen was du gesagt hast.Nun ja ich hoffe man kann verstehen was ich sagen will, und ich bin in Gedanken immer noch bei William und Noora ich liebe die beiden.
    Habe den Text ziemlich spät geschrieben also sorry für die Unverständlichkeit.

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  4. Ich liebe Skam! Ich muss sagen, dass dein Beitrag echt sehr treffend und erfrischend geschrieben ist. I like! Bis jetzt habe ich immer über einen GoogleDrive Link geschaut. Komischerweise funktioniert dieser seit geraumer Zeit nicht mehr. Vielleicht könntest du mit mitteilen auf welchem Weg du Skam schaust?! :) Liebe Grüße

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